Autor Thema: Teufelszeug  (Gelesen 345 mal)

Steff

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Teufelszeug
« am: März 25, 2022, 08:01:06 Vormittag »
Es geht um das Sehnenmaterial auf Primitivbögen.
Dachte hier passt meine Frage am Besten rein.

Frage: Ist alles ausser Dacron auf einem Primitivbogen Teufelszeug, dass unweigerlich zum krachenden Verlust des Selben führt?

Ich habe jetzt schon einige Male gehört und gelesen, dass langjährige und erfahrene Bogenbauer ihr Primitiven mit Fastflight schiessen, ohne das der Bogen zerborsten ist.

Bitte Eure Erfahrungen und Meinungen.

Persönlich habe ich auch schon einige Primitivbögen mit BCY452 x geschossen, aber ich tu das dann eher zu selten um jetzt von Erfahrung sprechen zu können.
Zum Beispiel den Comanchen aus Osage, bevor ich mir eine aus B50 gezwirbelt habe.
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AndrewS

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Re: Teufelszeug
« Antwort #1 am: März 25, 2022, 08:22:24 Vormittag »
Ich habe mit Dacron angefangen, dann mit diversen Leinensehnen experimentiert (um im historischen Kontext korrekt gerüstet zu sein). Seit ca. 20 Jahren nehme ich nun modernes HMPE Garn (FF+, 8125, Spectra (BCY 652)) auf meinen Holzbögen - ausser für den historischen Kontext, da bleibe ich bei Leinen.
Hybridgarne mit einem Vectran Anteil habe ich noch nicht verwendet, werde ich auch nicht tun.

Meine Sehnen haben alle einen verstärkten Öhrchenbereich und sind alle ausnahmslos flämisch gespleisst.
Die modernen Garne haben mir noch keinen Bogen "zerstört" (auch nicht die mit unverstärkten Sehnenkerben) und die Bögen sind für mich besser in ihrem Schussverhalten (bessere Performance und weniger Schwingungen nach dem Schuss).


Steff

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Re: Teufelszeug
« Antwort #2 am: März 25, 2022, 11:01:18 Vormittag »
Danke AndrewS,
mit wieviel Strängen würdest du den Comanchen mit 65# in den Öhrchen verstärken?
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AndrewS

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Re: Teufelszeug
« Antwort #3 am: März 25, 2022, 11:18:22 Vormittag »
Kommt auch auf die Strangzahl der Sehne an.
Als Verstärkungsfäden / Polsterfäden nehme ich oft Dacronreste.

65lbs, 14 - 16 Stränge in der Sehne und dann pro Teilstrang 3 - 4 Fäden dazu. Bei Skinnystrings auch ruhig noch + 2 Fäden je Teilstrang.

0815

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Re: Teufelszeug
« Antwort #4 am: März 25, 2022, 04:30:09 Nachmittag »
Ich schiesse alle meine Selfboegen mit Fast Flight.
Bei Weichholz wie Eibe und Esche wuerde ich das eher nicht machen ohne entsprechende Nockverstaerkungen.
Auch wuerde ich vorsichtig sein bei Selfboegen mit eingeschnittenem Pfeilfenster abhaengig von der Tiefe.
Strangzahl: Pfundzahl des Bogens x6 = 390#/Reissfestigkeit des Materials (Ich hab mein FF+ damals getestet und das ist bei 60# gerissen, aber am Knoten).
Das ist die OL Adcock Formel: Sicherheitsfaktor 2 x dynamischer Faktor max. 2.5 =5 Ich nehme immer 6 fuer Materialschwankungen.
Also mindestens 6 1/2" Straenge, waehlen wuerde ich da 10 je nach Mittelwicklungsstaerke. Aufpolsterung der Oehrchen auf 16-18 Strang mit B55, ist am billigsten.

 

Steff

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Re: Teufelszeug
« Antwort #5 am: März 25, 2022, 05:49:50 Nachmittag »
Danke,
interessant wie hartnäckig sich Weisheiten halten, wo sie doch schon längst überholt sind.
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0815

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Re: Teufelszeug
« Antwort #6 am: März 25, 2022, 07:25:19 Nachmittag »
Das Problem bei Glasboegen war zweierlei und ist auf Holzboegen bedingt uebertragbar:
1.) Die Sehnen waren standardmaessig Endlossehnen ohne dickere Oehrchen. Das fuehrte im Nockbereich zu einem Feileneffekt.
Aufgrund des unidirektionalen Glases hat es dann viele Wurfarme vom Boden der Nocken aus aufgespalten.
Dise Gefahr besteht bei einer Flaemisch Spleiss Sehne mit aufgepolsterten Ohrchen praktisch kaum. Ohne aufgepolsterte Oehrchen ist die Sehne deutlich duenner und fuhrt deshalb zu viel hoherem lokalen Krafteintrag in den Wurfarm. Hat man ein weicheres Holz oder ein Holz mit sehr harten und sehr weichen  Lagen, dann kann auch dann ein Wurfarm sich anfangen aufzuspalten. Bei Osage generell weniger ein Problem als bei Eibe und Esche/Ulme etc.

2.) Griffstuecke mit grossem rechtwinklig ausgesaegtem Schussfenster teilweise leicht ueber die mitte genschnitten oder auf Mitte geschnitten aus einem oelreichen kurzfasrigen Tropenholz (sehr popular in den 60ern und 70ern), sieh all alten Produktionsboegen. Durch die geringere Daempfung der Sehne erhoehte sich die Schwingungsfrequenz, diese Schwingungen koennen im duennsten Teil des Griffstueckes zu Schaeden und schliesslich zum Bruch fuehren. M.E. sind die Hoelzer eh nur bedingt geeignet und die Kurzfasrigkeit und Oelhaltigkeit macht sie anfaellig fuer Mikrorissbildung. Wenn in diesem Bereich ein Bruch eintritte, dann meist bei Vollauszug und an der Uebergangstelle von Griff zu Fenster oder leicht drueber oder darunter. Das ist natuerlich fuer den Schuetzen nicht so toll. Der einzige Untershcied zu verher war das neue Sehnenmaterial. Also war das neue Sehnenmaterial schuld.
Wenn man Glasboegen fuer FF baute, dann haben die mindestens immer einen Verstaerkungsstreifen und Phenol oder Micarta bei sehr schlanken Griffen im Mittelteil verbaut.
Das ist der sogenannte I-Beam. Dieser "erlaubt" die aufnahme von Torsionskraeften, die durch schneiden des Bogenfensters ueber die Mitte entstehen. Da Holz anisotrop ist, ist die Festigkeit von der Angriffsrichtung der Krafte abhaengig und Holz war noch nie fuer Torsion gut. 

Steff

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Re: Teufelszeug
« Antwort #7 am: März 26, 2022, 08:07:02 Vormittag »
Danke für die Erklärung, jetzt macht alles mehr Sinn.
Auch mein Wapiti mit Dacron.

 
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